ANVIL, KILLER, SPIRIT WAR, 25.10. Club Vaudeville, Lindau

Veröffentlicht am 26. Oktober 2026 um 00:25

Beginnen wir mit dem schwäbischen Blick: geschätzte 150-200 Leute, drei Bands und um die dreißig Euro Eintritt. Ich gehöre in der schwäbischen Königsdisziplin "lohnt sich des?" ("lohnt sich das?"), "was bleibt do henga" ("was bleibt da hängen?") sicher zu den entwicklungsfähigeren Charakteren, kann aber soviel BWL auch, dass hier jetzt nicht unbedingt von einem 5 stelligen Plus ausgehe. Das Leben ist manchmal ungerecht und nicht jeder bekommt das, was er oder sie verdient. So, aufgepasst: Überleitung des Todes: Verdient hätten sich ANVIL und ihre Support-Bands heute deutlich mehr Zuspruch. Vom Sympathie-Bonus, ausgelöst durch den tollen Film ("Die Geschichte einer Freundschaft" von 2008), den ja wohl wirklich jeder zu kennen scheint,  können die Burschen halt auch nix kaufen. Ach, ist ja so toll, dass sie diverse Platin-Seller-Rockstars aktiviert und beeinflusst haben, selber aber nach dem Monats-Invest in den Pot aber wohl nicht mehr viel übrig haben werden. Ich kauf den Ablassbrief in Form des ANVIL- Shirts (stolze 37 €, aber eigentlich müsste jeder zwei kaufen und 74 € pro Shirt zahlen), da ich unter der Woche selber kurz den relaxten Sonntag-Abend bei Youtube, Miosga (gut, kam heute wohl nicht) oder Bundesliga- Nachberichten spekuliert hatte. Ja, man ist ja keine 20 mehr. ..

Was bitte soll LIPS dazu sagen? Der ANVIL- Mastermind ist 70 und schleppt sich nicht zur Show, er gestaltet sie mit Esprit, Energie und Begeisterung, dass hier rein mit dem SCHAFFA (schwäbisch für Arbeiten)- Blickwinkel jeder Euro lohnenswert investiert ist. "Dr Ma dud was für sei Geld" ("der Mann leistet etwas für sein Geld"). 

Dazu hat er mit Chris Robertson (Bass) und Rob Reiner (Drums) zwei ebenso geil-ambitionierte Kollegen an Bord, die vom Handwerk und vom Entertainment-Faktor auch nochmal jeden Euro wert sind. Rob Reiners Drumsolo dürfte manchen Drummer das Hobby wechseln lassen. Und Robertson groovt sich mir Meister Lips in ein grandioses, theatrales Stage-Acting ein, das mit Metal, evil und Dominanzgehabe rein gar kein Thema hat. In letzter Zeit hab ich lediglich TANKARD gesehen, die ein ebenso lockeres und "nicht zu ernstes" Acting fahren. Das was ANVIL tun, ist ganz große Show mit hervorragenden Stand Up- Einlagen. LIPS  ignoriert  das "nur Musik, kein Getexte"- Maxim, nicht weil er nerven will, nein, weil er Storytelling kann. So redet er fast fünf Minuten über die "Another Perfect Day"- Tour mit MOTÖRHEAD im UK. Ein Besäufnis mit LEMMY im Hotelroom mit vielen richtig geil erzählten Details und dem exzessiven Einsatz pulverisierter Energy- Substanzen. Obwohl ich die ANVIL-Show fast für nen Netflix-Abend geopfert hätte, also soviel Rock n Roll- Credibility für mich beanspruchen kann wie Jens Spahn, spürt man das Hotelzimmer. Wie LEMMY stoisch den Wodka mischt und immer wieder in das Tütchen mit dem Pulver greift. 

Wenn man jetzt noch in die Waagschale wirft, dass ANVIL die ersten drei Alben spielen ("Free as the Wind" und "Forged in Fire" allein rechtfertigen den lächerlichen Eintritt), ein top eingespieltes Trio sind und dazu noch musikalisch demonstrieren, wie krass sie die THRASH- und SPEED- Welle definiert haben, ist dieser Abend denkwürdig.

Mit SPIRIT WAR ist eine französische Heavy Metal- Combo dabei, die ihr Opening wirklich solide macht. Mit KILLER spielen quasi die "belgischen Anvil", die über einen gewissen Insider-Status wohl auch nie herausgekommen sind. Wenn die alten Herren aufs Gas drücken und  MOTÖRHEAD zelebrieren, zirkuliert meine Hüfte ,ohne dass ich etwas dagegen tun könnte. Ansonsten ist der oldschoolige Sound dann selbst mir zu oldschool, was durchaus was heißen soll. Aber ich bin beeindruckt, wie auch diese "gescheiterte Band" mit Hingabe und Intensität sich ihrem Sport widmet.  In einer Welt, in welcher Erfolg oft mit Gewinnmaximierung verwechselt wird, ist dieser Abend eine Metapher für das, um was uns alle im METAL irgendwann mal ging: Wildheit, pure Leidenschaft, Spaß und die perfekte Show. Das ganze für 30 €. Ich erwähns nochmal.