Wenn man sich die Darstellung des vermeintlichen Kannibalen ("Pleasures of the flesh") auf dem Backcover anschaut, frägt man sich, Wokeness hin oder her, schon, was EXODUS für ein ästhetisches Empfinden mit sich bringen, oder ob sie dieser Aspekt tatsächlich nicht zu tangieren scheint. Sie sitzen in einer Art Strandbar, sehen aus, als kämen sie gerade irgendwie aus ihrem "daily life" zwischen Mechaniker in der Autowerkstatt und dem Job im Solarium um die Ecke. Der wirklich coole Schriftzug ist irgendwie ins obere rechte Eck des Bildes geknallt. Auf dem Tresen der Strandbar liegen Totenköpfe. Wenn wir sämtliche THRASH- Konkurrenten zu der Zeit betrachten, sind wir was Ästhetik, professionelle Wirkung und Konzept angeht in anderen Galaxien unterwegs. Ich dachte mir das beim "Bonded by Blood"- Cover schon so oft: diese kultige, aber durch irgendwie abgefuckte Zwillingszeichnung schlägt in der Kategorie Coverartworks großer THRASH- Debut- Alben nur das ANTHRAX- Debut. Was jetzt keine allzu große Kunst ist. Selbst das planlose MEGADETH- Cover würde ich höher raten. Dass EXODUS aber ihren Job nicht als nett bezahltes Hobby sehen, sondern durchaus ambitioniert zu Werke gehen, beweist schon die Tatsache, dass sie in IRON MAIDEN- Manier mit einem professionelleren Sänger weitermachen wollen. Und mit Ex- LEGACY (TESTAMENT) Shouter STEVE SOUZA verschwindet auch der Wahnsinn aus dem Gesamtsound. Ein durchstrukturiertes THRASH-Album mit immenser musikalischer Potenz lässt in punkto Dampf, Aggression und Intensität absolut keinen Wunsch offen. Aber mit dem Weggang von BALOFF scheint die EXODUS ATTACK auch auf eine seltsame Weise ihre Boshaftigkeit und ihren "Mayhem" verloren zu haben. Der Weg der Professionalisierung ist ein folgerichtiger und führt zu dieser Zeit im Normalfall direkt zum Erfolg. Über "Zu spät dagewesen" und Drogen- und Besetzungsprobleme wurde ausreichend spekuliert. Im Gegensatz zu den BIG 4 sind EXODUS die straightesten und unterkomplexesten- im positiven Sinne. Ein AC/DC- Ansatz, den GARY HOLT auch oft exakt so benannt hat. Man könnte die Theorie fahren, dass der THRASHer per se etwas mehr Komplexität mag, der AC/DC- Ansatz gar nicht notwendig war. Ich bleib bei meiner Optik-Theorie: Schriftzug unbestritten Arsch auf Eimer. Ob Skateboard- Freak, Basecap- Thrasher oder Jeanskutte: das Ding ist so wirkmächtig wie die Schriftzüge der "großen Brüder". Allerdings: bis inklusive "Tempo of the Damned" (Anfang 2000er) hatten EXODUS nur trashige (ja, TRASHIGE), deplatzierte oder richtig unästhetische Artworks. Ich weiß nicht, ob diese Theorie kursiert. Aber eine andere Erklärung finde ich nicht, warum EXODUS es nie ins erste Glied der Bewegung geschafft haben. Die Scheibe ist jedoch wie AC/DC: einfach gut! ;)