Der ehrwürdige Club Vaudeville in Lindau hat sich mittlerweile zu einer Location entwickelt, in welcher meine Jugendhelden ein und ausgehen. Innerhalb eines Jahres: KREATOR, OVERKILL, MOONSPELL und nun POSSESSED.
Zu den SUICIDAL ANGELS kommen wir zwar etwas nach Beginn des "Morbid Festes" in der Location an, zwei Bands haben wir leider verpasst, werden jedoch von den griechischen Thrashern sofort auf Betriebstemperatur gebracht. Nachdem mir eine "Ethnicity KI" kürzlich neben 2% Armenian, 3 % Bulgarian, 8% Albanian, 15% Turkish, 20 % Italian 52 % Greek bescheinigt hat, fühle ich mich gleich umso heimischer.
Doch nicht nur die mediterrane Herkunft der mittlerweile seit 24 (!) Jahren aktiven Band weckt "heimatliche" Gefühle.
Neben dem klassischen Heavy Metal dürfte in meiner Altersgruppe "knapp Ü 30" für die meisten Headbanger der THRASH sozialisationsprägend gewesen sein. Klar ist, im klassischen Thrash ist bis zur Groove Revolution Anfang der 90er, das Wesentliche definiert. So denkt man bei den suizidalen Engeln abwechseln mal an SODOM, SLAYER oder auch SEPULTURA, wenn die Engel es aber auch schaffen, aus den bekannten Stilmitteln einen eigenen und abwechslungsreichen Stil zu erschaffen. Der Gitarrist, bezeichnend im METAL CHURCH-Shirt, sorgt mit seiner ästhetischen Aura und seinem feinen Spiel für Momente jenseits rauer Thrash-Grobmotorik und öffnet immer wieder ein akustisches Tor Richtung Classic Metal.
Mit "Brücken bauen", Ästhetik im landläufig definierten Sinne und Classic Metal haben TERRORIZER kein Thema. Der Sound ist Grindcore pur, was für mich Fluch und Segen zugleich ist. Um Dave Vincent und Pete Sandoval (beide MORBID ANGEL- Urgesteine) ist hier zweimal Death Metal- Geschichte auf der Bühne. Segen: nix knallt stumpfer und planierender als geil gemachter Grindcore. Kein Kopfgeficke, keine Schöngeistigkeit- die Energie des Punk und des Hardcore auf Steroiden. Durch die Schlagzeugbearbeitung des Großmeisters Sandovall entsteht eine Grundspur, die den Körper direkt erreicht und keinerlei Umwege geht.
Die Attitude ist pures "Fuck you", was der wild gewordene Fronter hervorragend verkörpert und der politischen und wirtschaftlichen Welt jene Verachtung entgegenbringt, die sie mit reinem Punker-Herzen erfühlt auch nur verdient hat. Da wir als Kulturmenschen zum reflektieren, differenzieren und analysieren erzogen sind, lässt sich dieser Vibe natürlich nicht mit aus dem Club hinausnehmen.
Zumindest bei mir nicht. So sind wir auch beim Fluch: Grindcore ist dann in der Form oder (vielleicht generell?) doch ne Spur zu eintönig und monoton. Eine mitreißende, wilde Sache. Aber nix für ein ständig Reize suchendes Hirn- auf ne Strecke über 30 Min.
Und für ne reine Body-Experience Ü 30 Minuten fühl ich den Hass auf all den Fuck up leider viel zu wenig. Meditationen, Behemoth- Alben und Daddy-Life ham mich einfach viel zu harmlos gemacht ;)
Jeff Bacarra der ist durch seine Rollstuhl-Situation ein äußerst besonderer Frontmann, der eine schwer zu beschreibende Präsenz und Publikumsbezogenheit erarbeitet hat und ein empathisches und liebevolles Element in den apokalyptischen Proto-Death Metal-Sound von POSSESSED bringt. Das Publikum scheint mir eine herzerwärmende Ansammlung wahrer Underground-Freaks zu sein, die den selbst verzogenen "Fall from Grace" mit dem gesellschaftlichen Mainstream geradezu zelebrieren. Ein Eindruck, den auch Herr Bacarra zu haben scheint. Zufrieden blickt er immer wieder direkt in die Gesichter "seiner Geschöpfe", die er mit seinem Konzept von Untergang, Tod und Teufel in akustischer Form mit erschaffen hat. Hier ist kein empowernder Dimmu Borgir/Behemoth- Satanismus Programm, hier geht es um die morbide Lust, sich über eine Schattenkultur zu definieren. Entsprechend ist der Sound: wer um 85 herum gedacht haben sollte, mit METALLICA und v.a. SLAYER sind die Extreme neu ausgelotet worden, wurde direkt in die "7 Kirchen" bestellt.
Die Basis ist zwar Thrash, erreicht aber in punkto Aggression, Morbidität und Intensität neue Dimensionen. DEATH METAL in seiner reinsten Form ist definiert. Der Impact auf aggressiven und metallischen BLACK METAL entsprechend: POSSESSED dürften bei Acts wie MARDUK, WATAIN und DISSECTION eine mehr als tragende Rolle gespielt haben.
Was ANVIL für den THRASH sind, scheinen POSSESSED für den DEATH METAL zu sein: ikonisch, stilprägend und extrem real. Dem Lebenswerk kommt auf dem Bankkonto nicht die Bedeutung zu, die es verdient hat. Aber diese Tragik scheint auch irgendwo real zu sein und dazuzugehören.
Ich bin schon seit längerer Zeit überzeugt, dass "7 Churches" eines der aller wichtigsten Metal Alben überhaupt ist, da es Maßstäbe gesetzt hat und für mein Empfinden die Basis sämtlicher "satanic" Metal- Strömungen darstellt. Durch dieses geniale Konzert im Club Vaudeville wurde dieser Eindruck nur hart bestätigt.