"St. Anger" hatte ich nie hören müssen, um zu wissen, dass es mit mir nichts zu tun hat. METALLICA gehörten mittlerweile zu den "woken", den "links-grün-versifften", denen, die für Vielfalt und bunte Rockmusik eintreten. Die, die im besten "Rockland aller Zeiten leben". Verblendete Idioten. Ich war immer gegen Grenzöffnungen und für Leitkultur. Dass ich METALLICA selbst erst so richtig mit dem "Black Album" zu lieben lernte, spielt in der persönlichen Geschichtsschreibung erstmal keine Rolle. Man wähnt sich automatisch als "Ride the lightning"- Ultra, der nur schwer über die Professionalisierung bei "Master of Puppets" hinwegkam. Tiefer in die DNA der Band geblickt, hätte schnell klar gemacht, dass eine musikalische Offenheit in der Band grundlegend angelegt ist.
Für meine METAL-Biographie hätte es eventuell interessant sein können, das Album 2003 anzuhören und zu einer eigenen Einschätzung zu kommen. Ich habe es nie angehört und war natürlich auch an so Experimenten überhaupt nicht interessiert. Dass kein falscher Eindruck entsteht: ich bin eigentlich kein Sound-Nazi. Also zumindest konnten RUSH, DEATHSPELL OMEGA und BJÖRK bei mir genau in der Reihenfolge laufen. Beim Grals-Metal war das allerdings komplett anders, hier neige ich heute noch zu kleinkariertem Spießer-Denken. Der Grals-Metal ist eine verklärte, heile Welt, in der die Welt einfach noch in Ordnung ist. Wenige der Gralshüter waren zwar 1983 oder 84 viel weiter, als selbstständig die Schere vom Basteltisch holen zu dürfen, leben aber in ihrer Erinnerung in einer Welt, in der nur sie und ihre 3 Kumpels METALLICA kennen und es nie mehr eine bessere Band geben darf. Dass "Ride the lightning" vielleicht unterm Strich tatsächlich DAS perfekteste METAL- Album ist, ist zumindest für mich mehr als wahrscheinlich. Was ich in der Psychologie von " uns Metalheads" tatsächlich nicht verstehe: warum wir den Status Quo konservieren wollen. Warum es uns so wichtig ist, ein ideales Bild eines Albums, einer Band oder einer Epoche zu haben?
"St. Anger", holy Shit, ist 2026 zu einem Dauergast in meiner Playlist aufgestiegen: 23 Jahre später hatte ich die Eingebung, dieses Album einfach mal anhören zu müssen. Ohne Umschweife: ich liebe es. Gerade weil es im konventionellen Sinn so "anti-metal" ist, in einem anderen Verständnis jedoch so übel ass-kicking Metal, dass die Herren nicht mal auf "Kill`em all" so spontan und gelöst agiert haben. "St. Anger" ist ein Impulsalbum. Etwas, das du so nicht konstruieren kannst. Auch wenn wir Fans gerne meinen, der Manager hat mit Dollarzeichen in den Augen gesagt : "ich brauch jetzt ein Nu Metal- Album". Seine Lakaien, die Band-Members, haben dann kritiklos geliefert. So ist es natürlich keinen Meter. Hier steht ein gezielter Input von damals "neuen" Sounds, um sich einer Challenge zu stellen. DESERT- und ALTERNATIVE- Rock wurde hier verarbeitet, der sog. NU METAL dürfte auch als relativ harte Inspiration gedient haben. Auch hier tut sich eine so sympathische Parallele zu "Kill `em all" auf: die NWOBHM - und MOTÖRHEAD- Fanboys versuchen ihren Helden gerecht zu werden und übertreffen sie teilweise um Längen. Mit diesem Mindset ist die Band an dieses Album heran. Eine Combo, die sich immer auch als "Fanband" verstand, die zumindest nicht immer eigene Definitionen setzen musste. Gerne auch mal einfach nur auf ner Welle mit surfte und eine Variation der Welle abgab. Und auch hier bin ich mir sicher: sie werden ganz viele der 2000er BLITZKRIEGs, HOLOCAUSTs und VENOMs hinter sich gelassen haben. Eine These, die ich allerdings mangels Bildungshintergrund in NU METALOGISTIK nicht untermauern kann...